Muurejubbel, Apfelessig und Julia A. Noack

Ich esse alles außer gekochten Möhren! Gut, die Nummer mit den 1000jährigen Eiern im Zug von Da Nang nach Nha Trang war auch schwierig – aber Kochkarotten gehen gar nicht. Dieser süßliche, leicht muffige Geschmack samt zerfallender Konsistenz evoziert in mir stets eine Ahnung von Vergänglichem, Verwesung. Kindheitstrauma ist ein Gericht namens “Möhren durcheinander” – ein Eintopf mit Kartoffeln und Rindsbeinscheibe, der ohne Gewürze auskommt und sich als eine Art orangebrauner Matsch präsentiert. Als Kleinkind bin ich zudem einmal ein Möhrchengläschen tragend die Kellertreppe hinuntergefallen und hatte dann die Glasscherben in der Hand stecken und die Pampe im Gesicht. Das nur als Erklärungsansatz.

Allerdings sind Möhren regionales Nationalgemüse und der Ort, in dem ich wohne, für eigene Züchtungen bekannt und für das in der Überschrift genannte Gericht. Und da ich selten locker lasse – auch nicht bei eigenen Defiziten – versuche ich es Hin und Wieder mit einer kulinarischen Konfrontationstherapie. Also wurde die heutige Begegnung mit Söötelsche Muure (vielleicht waren es auch Lobbericher) auf dem Markt zum Anlass genommen, das traditionelle Rezept nachzuempfinden.

Gelbe rheinische Möhren

Gelbe rheinische Möhren

Ein gutes Stück hoher Rippe samt Knochen kurz in kochendes Wasser halten und dann in neuem Topf mit kaltem Wasser bedeckt mit einer Petersilienwurzel und einer Zwiebel aufsetzen. Wenn die Flüssigkeit zu kochen beginnt, die Hitze zurückschalten und eine Stunde mit einem Lorbeerblatt sowie einigen Pfeffer- und Pimentkörnern simmern lassen. Nun grob gewürfelte gelbe Möhren und ein bis zwei mehligkochende Kartoffeln (heute: Marabelle) zugeben, nach einer weiteren halben Stunden salzen. Den Herd ausschalten und das Ganze mindestens 20 weitere Minuten ziehen lassen – eigentlich wäre dies nun der Moment, reichlich Liebstöckel beizufügen, doch gibt der Garten noch nichts her. Stattdessen Lauchgrün. Das Finishing ist simpel, aber entscheidend: Einen Esslöffel Kempener Apfelessig in einen großen Suppenteller, darauf zwei Kellen Jubbel und etwas gehackte Petersilie. Letztere ist für’s Auge – ersterer für den Möhrenfeind. Denn drei Faktoren machen diese Speise für mich genießbar. Das Ergebnis ist mehr klare Suppe mit Einlage als Eintopf, die apfelige Säure vertreibt alles Modrige – und die Tatsache, dass gelbe Möhren deutlich weniger aromatisch sind als orangefarbene.

Söötelsche Muurejubbel

Söötelsche Muurejubbel

Die Niederrheinerin Julia A. Noack ist mit ihrer bisweilen spröden Vortragskunst und der leicht brüchigen Stimme eine perfekte popkulturelle Vertreterin ihrer Heimatregion, auch wenn sie inzwischen in Berlin wohnt und wirkt. Momentan übrigens auf Deutschlandreise.


8 Kommentare on “Muurejubbel, Apfelessig und Julia A. Noack”

  1. Afra Evenaar sagt:

    Hübsch, würde ich essen. Auch mit Essig. Nur dieses Petersiliengekräusel da obendrüber, ich weiß ja nicht.

  2. azestoru sagt:

    Würde ich mal probieren, wenn ich es so von Dir gekocht sehe – normalerweise bin ich kein Eintopf-Fan. Aber zum einen sieht das Fleisch sehr lecker aus, zum anderen hab ich Vertrauen.

    Apropos: ich stehe gerade in der Küche und versuche mich an Deinen Gnocchi. Wehe, die funktionieren nicht! :-)

  3. utecht sagt:

    @azestoru
    Sind eigentlich narrensicher – wenn Du mehlige Kartoffeln hast.
    @afra
    Weil die Wurzel schon im Topf war, kam das Gekräusel oben drüber.

  4. Diese typischen Babygläschen riechen ja auch schon nach Kinderkotze. Das hier sieht gut aus.

  5. utecht sagt:

    @schnickschnack:
    word!

  6. peppinella sagt:

    weißt du, ich habe mal in Dülken gewohnt. der wochenmarkt war immer schön da.

  7. utecht sagt:

    Ist er immer noch. Nur rape gibt’s dort auch nicht…

  8. Afra Evenaar sagt:

    Nun sag aber mal, weshalb lese ich nichts von Dir beim Rheinland-Kochblog-”Event”? Einige tolle Rezepte hast Du ja schon verbraten, wenn ich zum Beispiel an dein Untereinander denke … aber zwei werden Dir doch wohl noch einfallen. Enttäusch mich nicht!


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