Niederrheinische Erbsensuppe ist kein Nazi-Eintopf

Samstag = Waschtag. Früher traf es Mensch und Tier, alle kamen nacheinander, einer gewissen Hierarchie gehorchend, in denselben Zuber. Dann, als die Wirtschaft sich zu wundern begann über eine gekonnte Mischung aus zunehmender Mobilisierung und sich verfestigender Trutzburgmentalität, wurden zunehmend Automobil und Bürgersteig Objekte planmäßigen Reinemachens. Heutzutag, in den Zwanzigzehner-Jahren, kommen zwar noch allenfalls Elektrofahrräder oder der Weinklimaschrank unter den Putzlappen, aber eines ist Konstante: Unüblich mittäglicher Hunger ob ungewohnter körperlicher Betätigung. Und wenn sich dann noch eine Pause findet im wochenendlichen Einkaufswahn, kommt ein Topf auf den heimischen Herd.

Historischer Einwurf: Ernst Pieper beschreibt unter dem Titel Braune Suppe, dicke Brocken eine politische Eintopf-Idee. Tatsächlich war der Begriff vor 1933 kaum bekannt. Grundlegend dazu: Konrad Köstlin: Der Eintopf der Deutschen. Das Zusammengekochte als Kult-Essen. In: Tübinger Beiträge zur Volkskultur, Tübingen 1986. Interessant ist auch dies.

Nichtsdestotrotz ist das, was die Nazis unter dem Begriff „Eintopf“ popularisierten und als Instrument der sozialen Gleichschaltung instrumentalisierten, nichts anderes, als das vielleicht älteste menschliche Kochprinzip. Alles Essbare in einen Topf und nach mehr oder weniger langer Zeit über dem Feuer aus selbigem zusammen speisen – allein dies war tausende Jahre lang kulinarisch möglich.

Erbsensuppe mit Mettwurst und Senf

Erbsensuppe mit Mettwurst und Senf

Ich esse heute Erbsensuppe; rheinischer Art. Also Ähzezupp, nicht Löffelerbsen. Wie das prinzipiell funktioniert, hat Pepinella beschrieben (von der leider seit geraumer Zeit nichts mehr zu lesen ist). Doch wie bei italienischer Tomatensauce jede Mama ihre Eigenheit hat, geht auch die Erbsensuppe in allen niederrheinischen Haushalten etwas anders. Daher heute ausnahmsweise wieder ein ausführliches Rezept, später. Was allerdings solch ein eher bodenständiges „Durcheinander“ (Pott ongereen im Vierscher Platt) zum kulinarischen Wagnis macht, ist diesbezügliches Auswärts-Essen (Ausnahme: Gut Heimendahl). Oder aber – wird auf dem Dorf gerne genommen – der samstagmorgendliche Gang zum Metzger, mit leerem Eimer. Was dann dort hineingegeben wird, ist tatsächlich ursprünglich, in der Regel. Denn bis zum zweiten Weltkrieg war hiesigen Hausfrauen die Verwendung von Würzkraut in der Küche nahezu unbekannt. Salz, Pfeffer und Fett waren einzige Aromaten und Geschmacksträger.

Unsere Familientradition schreibt jedoch reichlich Majoran und ein Lorbeerblatt vor, an mutigen Tagen gebe ich auch ein Stück Ingwer oder etwas Kreuzkümmel hinzu. Heute nicht. Auch die Schweinefüße hatte Metzger Bauten nicht im Kühlhaus. Was vielen Menschen den Zugang zu dieser Leibspeise deutlich erleichtern dürfte, emotional gesehen.

Rezept: Niederrheinische Erbsensuppe

Rezept: Niederrheinische Erbsensuppe

Zutaten (für einen mindestens fünf Liter fassenden Topf):

  • 500g getrocknete, grüne Erbsen (auch wenn die meisten Rheinländer die weniger aromatischen gelben verwenden)
  • 300 g geräucherter Bauchspeck samt Schwarte
  • 3 festkochende Kartoffeln
  • 2 große Zwiebeln
  • 2 Möhren
  • 100 g Knollensellerie
  • 1 Stange Porree
  • Mettwürstchen (für jeden Mitesser eines)
  • getrockneten und frischen Majoran
  • 1 Lorbeerblatt
  • Düsseldorfer Senf
  • Pfeffer und Salz (schwarz und meerweiß, beides grob)

Zubereitung:

  • Erbsen im Topf mit ausreichend Wasser über Nacht einweichen.
  • 2 Stunden vor der Mahlzeit zum Kochen bringen. Leise simmern lassen (nicht zu heftig, denn bedenke, das mag das viele Eiweiß in den Hülsenfrüchten gar nicht)
  • Inzwischen Kartoffeln, Möhren, Sellerie, Porree und eine Zwiebel würfeln und nach 1 Stunde in den Topf geben, die Speckschwarte ebenso. Jetzt salzen und pfeffern.
  • Speck würfeln und auslassen, die zweite Zwiebel zerkleinert hinzugeben und bräunen. Zusammen mit den Kräutern und den angestochenen Würsten 10 Minuten vor Verzehr in den Topf. Herd aus. Ziehen lassen.

Der Rest ist Konsistenzphilosophie. Wann der Senf der Suppe Säure verleiht, ist ebenfalls subjektiven Vorlieben anheim gestellt. Ich appliziere ihn erst auf dem Teller.


11 Kommentare on “Niederrheinische Erbsensuppe ist kein Nazi-Eintopf”

  1. Afra Evenaar sagt:

    Finde ich auch, Erbsensuppe braucht viel Majoran: eine der großen Aromapaarungen.

  2. Claus sagt:

    Genauso geht die auch bei uns, am Mittelrhein.

  3. utecht sagt:

    @Afra: Unbedingt Majoran. Bergbohnenkraut ist aber auch nicht verkehrt.

    @Claus: Gut. Nur das mit dem Altbier musste noch lernen…

  4. Afra Evenaar sagt:

    Bei dieser Art Erbsensuppe bekenne ich mich zum Dogmakochen.
    Bergbohnenkraut darf sich woanders vergnügen. Ein Freund und großer Verfechter dieses Krauts hat seinen Laden, in dem er leider fast keine provenzalischen Spezialitäten mehr vertreibt, dafür immer noch hervorragende Weine, danach benannt: Pèbre d’aï aka Eselspfeffer.

  5. Lakritze sagt:

    Für diese Erbsensuppe würde ich schlangestehen. Mit Mettwürstchen, bitte.

    Zum Thema Waschtag muß ich unbedingt auf ein anderes niederrheinisches Blog verweisen, mitsamt Kommentarspalte. Wenn ich darf.

  6. 6kraska6 sagt:

    Herrlisch! Danke für die Entnaifizierung der Ähzezupp!

  7. oachkatz sagt:

    Die mache ich noch schnell, so lange noch Winter ist. Diese Woche noch.

  8. oachkatz sagt:

    Ich habe sie gemacht. Toll! Soulfood an diesen letzten kalten Tagen dieses Winters. Senf bleibt mir nächstes Mal aber weg vom Teller.


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