Knoblauchsrauke, Borretsch, Löwenzahn und die gewöhnliche Goldnessel

Wenn andere Leute Opfer werden der marktschreierischen Saisonkocher, im steten Höher-Schneller-Weiter der veröffentlichten Pseudokulinarik sich durch Tonnen an quasi geschmacksneutralem Folienspargel schälen und sich von roten Signalen nährflüssiger “Erd”-Beeren übertölpeln lassen, gehe ich in den Wald. Der Gunst der privilegierten Wohnlage geschuldet, kann ich vom Küchenfenster aus verfolgen, wann welches Wildkraut blüht. Momentan haben sich einige halbschattige Pflanzen zur gemeinsamen perfekten Ausbildung verabredet und schreien: Pflück mich. Nimm mich. Friss mich.

Knoblauchsrauke

Doch was tun mit dem Kräuterkram? Einen Salat oder Sud, Auflauf oder Auszug? Möglichst pur wollte ich’s und hatte dazu noch den ersten Blumenkohl (sic!) vom besten Biobauern. Und Erwins Shiitake. Die der gute Pasaniapilzprofi auf deutscher Eiche zieht. Bessere kenn ich nicht, mehr Umami war nie. Also tat ich dies: Den noch sehr feingliedrigen Kohl in Röschen geteilt und mit einigen kleinen Blättern vom Strunk kurz in Salzwasser blanchiert und in Eiswasser getaucht. So bleibt er bissfest und hat doch eine geschmackliche Nuance mehr als das rohe Gemüse. Die Shiitake in Butterrapsöl nicht zu heiß angebraten und mariniert in Orangenöl und süßem Essig.

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Reichlich Knoblauchsraukenblätter mit Distelöl und einigen Körnern von der Salzblüte kurz aufmixen (vom Backen waren noch Pistazien übrig, die passten gut hinein und ließen das ganze zum Pesto werden). Blüten vom Borretsch und die süßlich-saftigen von der Goldnessel zupfen, wie auch die Löwenzahnblütenblätter. Alles anrichten und genießen, bevor es welkt. Purer Genuss.

Übrigens: Eine weitere Folge der privilegierten Wohnlage ist, dass im nunmehrigen Heimatdorf Liedberg sich ein Gasthaus befindet, das unvergleichbar ist am gastronomisch ja eher unterbelichteten Niederrhein. Alles, was Mode ist momentan, wird dort seit über 15 Jahren geboten: Feinste Regionalküche, saisonaler Genuss, Weinkompetenz, entspannte Dorfatmosphäre, alles zum kleinen Kurs. Bei Stappen also genossen wir das Aprilmenue – umd dieses wiederum brachte dann doch die Begegnung mit dem unvermeidlichen Asparagus. Keine Erdbeeren. Perfekte Küchenleistung, große Gastfreundschaft, feine Völlerei.


kappesklub beim summer of supper

Wenn Amateure für Gäste kochen, als Intermezzo-Gastronomen dilettieren, nicht sicher ist, wer da kulinarisch überfordert wird – Köche oder Bekochte – und diese ganzen Internetesser einen idealerweise interessanten Ort bespielen für einen Abend mit Fremden und Freunden: Dann heißt es “Welcome to the supper club!”. Seit ein paar Jahren schwappt diese Modewelle durch westliche Städte. Wer einmal dabei war, ist infiziert von der Faszination des genussgetriebenen do-it-yourself-Gedankens. Und für alle anderen bietet sich diesen Sommer in Köln die einzigartige Gelegenheit, derartiges in komprimierter Form kennenzulernen.

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Auch wenn das Lineup  der acht Termine noch nicht final ist, sollten sich Leser dieses Blogs doch schon einmal das große Finale vormerken. Am Abend des 1. August werde ich als kappesklub zusammen mit Nata rheinisch kochen. Wir freuen uns drauf!

Übrigens: Wer zuvor schon einmal das Marieneck und die beiden Initiatoren des summer of supper kennenlernen möchte, hat am kommenden Sonntag die Gelegenheit dazu. Torsten wird Euch dann mitnehmen auf eine Reise durch Frankreich mit zwei Gläsern. Er moderiert regelmäßig spannende Weinproben in der ehemaligen Eckkneipe in Köln-Ehrenfeld. Die wird inzwischen von Marco als kulinarische Eventlocation und Kochschule betrieben.

PS: Was genau es mit der Bezeichnung “kappesklub” auf sich hat, wird sich auch am 1. August in Köln erweisen. Also: Kommt!


Gemüse des Monats: Bundknoblauch

Das Grün von der jungen Knoblauchpflanze ist mild im Geschmack und ähnelt nicht nur optisch den Frühlingszwiebeln. Eine leichte Schärfe und ein feines Knoblaucharoma sind ihm genauso zu eigen wie eine knackigfrische Konsistenz. Fein geschnitten bereichert dieses Frühlingsgemüse jeden Salat. Wird der Knoblauch mitgegart, entwickelt er lauchähnliche Nuancen und gibt schwereren Komponenten wie Hülsenfrüchten eine beschwingte Leichtigkeit.

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Linsen-Knoblauch-Salat

  • 2 Bund Knoblauch
  • 150 g Berglinsen (aus Puy oder von der schwäbischen Alb)
  • 2 Möhren
  • Piment d’Espelette (alternativ: Cayennepfeffer)
  • Rapsöl
  • Trockener Riesling
  • Weißer Balsamico
  • Salz

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Bei diesem puristischen Rezept kommt es unabdingbar darauf an, von allen Zutaten nur die bestmöglichen Produktqualitäten zu verwenden.
Die Linsen in schwach kochendem, ungesalzenem Wasser 20 Minuten garen. Währenddessen die Möhren und das Weiße vom Knoblauch fein würfeln und in Rapsöl fünf Minuten dünsten. Mit dem Wein ablöschen, kurz einkochen lassen und kräftig würzen. Die abgegossenen Linsen und das feingeschnittene Knoblauchgrün hinzu und mit Essig abschmecken.
Lauwarm als Salat genießen oder mit Spätzle als Hauptmahlzeit servieren.


Dieser Beitrag ist der sechste in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


Ach wie süß ist Düsseldorf

“SÖÖT – Patisserie & Kaffeerösterei” – Name, Konzept, Programm. Mancher mag meinen, wenn er das Lokal in den Schwanenhöfen an der eher tristen Erkrather Straße betritt, dass solcherlei früher einmal schlicht “Café” geheißen hätte. Oder Konditorei. Pompös: Kaffeehaus. Liebe Leser, Pustekuchen, dies. Wer so schlussfolgert und dem geistigen Deminutiv frönt, war noch nie in der Landeshauptstadt. Dort atmet selbst die Randlage Lametta und wo andere Bäcker Plunderteilchen feilbieten, ist hier der Zuckerguss aus Blattgold. Mindestens.

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Hier, im mitten zwischen alten Industrie- und Bürobauten, in denen nunmehr hippe Agenturmenschen werkeln, gelegenen Lokal, hat ein hochdekorierter Küchenkünstler sich niedergelassen, der sich selbst bisweilen “Puddingrührer” nennt. Andy Vorbusch war zuletzt Chef-Pâtissier im Vendôme bei Wissler. Und macht nun mit Ursula Wiedenlübbert Frühstück und Mittagstisch für Schreibtischmenschen sowie süße Schweinereien für Kulinarikpilger. Beides lohnt den Besuch – nicht zuletzt auch wegen der vor Ort gerösteten Kaffeespezialitäten. Wir hatten eine gottgleiche Schokomousse mit Buchweizenkern, ein fruchtigfrisches Rhabarbertartelette, Macarons aus einer anderen Welt und eine Süßkartoffel-Garnelen-Quiche. Bei letzterer gab es Abzüge in der B-Note wegen eines Konsistenzkollateralschadens aufgrund Mikrowelleneinsatz.

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Fazit: Allen Süßsüchtigen sei ein Besuch im SÖÖT anempfohlen. Und da es sich angenehm sitzen lässt im erfreulich beiläufigen Ambiente, ist jede dort verbrachte Minute ein Gewinn. Nicht nur für den Insulinhaushalt.

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Behelfsgericht und Originalmusik

Saßen wir doch letzten Freitag mit ein paar Foodies in einem Ehrenfelder Asiaimbiss und erörterten die netzkulinarische Lage bei bioveganen Leckereien – ich hatte eine gute, sauerscharfe Tom Yum, langweilige Limo sowie gebratene grüne “Spirulina” Ramen mit Luft nach oben – da setzte ein altbekannter Reflex beim Gruppenessen ein: Nachbars Teller ist immer der bessere. Der gute Marco hatte u.a. Gỏi cuốn, Frühlingssoulfood und gern gesehenes DIY-Experiment in der Gesindehausküche. Also wurden am Folgetag Vorräte überprüft, Fehlendes wie Koriander, Erdnüsse und tiger prawns beim befreundeten Biobauern geordert und sich bei der Gartenarbeit auf das abendliche Essenbasteln gefreut. Das Mise en Place ist wie bei fast allen Asiaadaptionen mehr als die halbe Miete, also wurden Möhren juliennisiert, Pilze zerkleinert, frischer Knoblauch und Ingwer gehackt, Sprossen verlesen, Salat gerupft und geschleudert, Kräuter gezupt und Nüsse geschreddert. Ein Dip gerührt und Reisnudeln gekocht. Bier gekühlt.

Und die Schublade geöffnet, in der die Reisblätter liegen. Normalerweise. Eigentlich immer. Nur eben nicht in diesem Moment. Master of Vorratshaltungsdesaster, ich. Was tun, um die eigenen Gelüste und die der noch Sommerrollenverrückteren zu stillen? “Machen wir einen Salat”, sprach die Mitleidende und kramte eine große Schüssel aus dem Schrank. Zuerst skeptisch begann ich, nach und nach alle Schälchen und Schüsselchen in das größere Exemplar zu leeren, den Fischsaucendip sowie etwas Sesamöl hinzuzugeben und einmal umzurühren. Das Ergebnis war überraschend gut.

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Zu Improvisation und DIY passt dies: Heute beginnt in Düsseldorf die “Micro-Pop-Week – Festival für Originalmusik”. Weitere Infos dazu auf der Facebookseite der Veranstaltung. Wirklich unabhängige Bands an tollen Orten mit interessanten Menschen. Ich freue mich besonders auf den Donnerstag, wenn das Hamburger Kleinst-Label Bloody Hands Ltd. drei seiner Artisten in einem semiromantischen Hinterhof in Flingern aufspielen lässt. Hingehen!

 


Weintipp als Leseempfehlung

Vor ein paar Tagen stolperte im Rahmen einer Kurzrecherche zum Thema “veganer Wein” über einen mir bis dahin nur beiläufig bekannten Blog. Dessen Autor sehe ich zwar bisweilen in den Trinkerecken des sozialen Netzes kommentieren, kannte ihn aber bisher nicht persönlich. Das ist schade, denn einmal festgelesen, fand ich etwas, was selten ist in der meist testosterongeschwängerten und latent oberflächlichen Weinwebwelt: Unprätentiöse Begeisterung, Lust an Recherche und Meinung sowie ein Ton, der neugierig und Gedankengänge nachvollziehbar macht. Informationen gibt es von basal bis freakig. Nicht nur zu Nischenthemen wie Vegan und Schwefel.

Selbst die eigentlich verhassten Verkostungsnotizen überlese ich geflissentlich – weil derWeinblog von Alex Schilling in der Regel spannend ist und es Spaß macht, ihm beim Wachsen am Wein zu folgen. Daher wandert diese Leseempfehlung ab heute auch in meine Blogroll.


Gemüse des Monats: Porree

Einer der ältesten, bis heute existenten Blogs ist Scripting News. Seit 1997 erscheinen dort Notizen zu technischen Entwicklungen und Leseempfehlungen verschiedenster Provenienz. Sein Autor Dave Winer ist ein umtriebiger Geist, Nerd, Entwickler, Entrepreneur. Weitläufig verwandt mit der großartigen Hedy Lamarr (aka Hedwig Eva Maria Kiesler) und Großneffe des vielleicht verkopftesten deutschen Schriftstellers, Kritikers Liebling Arno Schmidt. Letzterer hatte nicht nur Zettels Traum, sondern auch ein Büchlein herausgegeben mit dem schönen Titel Rosen & Porree. Schmidt wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden – als intellektueller Eremit lebte er mit seiner Frau im niedersächsischen Bargfeld und hatte doch neben der schöpferischen Schreiberei eine weitere Leidenschaft: seinen Garten.

Ob er dort je einmal im März Lauchgewächs hat ernten können, ist nicht verbrieft. Unwahrscheninlich ist es allemal. Medienmenschen schreddern gerne einmal die Vokabel “historisch” durch inflationären Gebrauch. Doch dass nach dem Kohlrabi im Februar nun im Märzen der Bauer kein Pferde anspannt zum Pflügen, sondern erst einmal erntet, was an zweijährigem Gemüse vom Vorjahr übrig blieb, ist für mich genauso Küchensensation wie hoch erfreulich. Ein grüner Winter ist zu Ende, das neue Grün sprießt ja schon. Und ich verarbeite 2013er Porree, frisch und knackig und mit grünzwiebeligen Aromen.

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Zugegeben, dass das Lauch gut überwintern kann, ist altbekannt. Und selbst wenn sich dann im Laufe des Frühlings der Blütenschaft im Porree ausbildet, lässt er sich noch gut verwenden, denn dieser Schaft ist jung saftig und zart. Roh im Salat oder fein geschnitten auf ein dickes Schmalzbrot quasi alternativlos. Allium porrum gehört zu den Zwiebelgewächsen – und das schmeckt man auch. Gegart jedoch tauscht er seine Schärfe gegen eine feine Milde,  bleibt er lange auf dem Herd, wird die Konsistenz cremig. Das lässt sich auch ausgebacken hinbekommen, ähnlich wie beim Chicorée.  Wie bei jedem Gemüse gilt: alle Teile sind zu verwenden, nicht nur die feinen, zarten. Gerade, wo es dunkler wird und fasrig, lagern potentielle Geschmackseruptionen. Sie wollen nur gezündet werden.

Porree-Kartoffelkuchen

3 Porreestangen
5 große, mehlige Kartoffeln
1 altbackenes Brötchen
3 Eier
1 Becher saure Sahne
Milch
Muskat, Salz, Pfeffer

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Die Kartoffeln auf der groben Reibe raspeln und mit Semmelbröseln und einem Ei zu einem festen Teig vermengen. Wenig Salz und reichlich Pfeffer und Muskat hinzu, in eine Springform füllen und 20 Minuten bei 180° blindbacken. Inzwischen den Porree zubereiten: Von den äußeren beiden Schichten befreien und in dicke Ringe schneiden. Wasser mit den Lauchabschnitten zum Kochen bringen und die Ringe 2 Minuten blanchieren, dann gründlich abtropfen lassen. Aus den restlichen Zutaten einen Guß zubereiten und diesen kräftig würzen. Porreeringe farblich abgestimmt auf dem Teig verteilen und den Guss einfüllen. In 20 Minuten fertig backen.

Wäre jetzt nicht Fastenzeit, ich tränk’ dazu einen  Riesling “Vom Kies” von Georg Forster von der Nahe.


Dieser Beitrag ist der fünfte in der Reihe “Gemüse des Monats”, die in Zusammenarbeit mit dem Lenßenhof in Mönchengladbach entsteht.


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